Gelingen ermöglichen statt Misslingen dokumentieren

Wie kann die Schule Potenziale entfalten?

(Beitrag in der Schulpraxis 1/15 der Pädagogische Zeitschrift Lehrerinnen und Lehrer Bern LEBE zum Thema »Potenziale«)

 

Früher wurde an Schulen gelernt und gelehrt. Heute sollen Potenziale entfaltet und Kompetenzen erworben werden? Weshalb dieser Wandel? Wir leben heute in einer anderen Zeit als vor 150 Jahren. Damals wurde unser Schulsystem im Zuge der industriellen Revolution errichtet. Gleiches Wissen für alle, das oft für eine ganze Generation oder länger Gültigkeit hatte, gibt es heute kaum noch. In vielen Berufen ist das Wissen, das sich Lernende während ihrer Ausbildung aneignen, nach wenigen Jahren schon wieder überholt. Im Zuge der 3. Industriellen Revolution, in welcher der Umgang mit erneuerbaren Energien und die Tendenz zur Entglobalisierung zu einer Kehrtwende zu lokalen und regionalen Wirtschaftskreisläufen führt, ist nicht starres Wissen, sondern Kreativität, Innovation, Tatkraft, Optimismus, Integrationsfähigkeit und Offenheit für Veränderungen gefordert. Kinder und Jugendliche brauchen deshalb heute eine andere Schule, um als Verantwortungsträger von morgen gerüstet zu sein. 

 

Ideenreichtum statt Gehorsam

Kompetenzen sind Selbstorganisationsfähigkeiten, Potenziale sind das, was an Möglichkeiten in unseren Schülerinnen und Schülern steckt, aber noch nicht zum Ausdruck kommt. Es geht also viel mehr darum, sicht- und erfahrbar zu machen, was in unseren Kindern und Jugendlichen an Ideenreichtum und Gestaltungsfähigkeit steckt, so dass sie zu aktiven Performern vorerst eigener Ideen und Potenziale und später von gesellschaftlichen und beruflichen Herausforderungen werden. Wir brauchen nicht mehr einfach passive und gehorsame Wissensträger, die starres Wissen zielgenau und mit der einzig richtigen, vorgegebenen Antwort an einer Prüfung abliefern können, um eine gute Note zu erhalten.

 

Erfahrungen und positive Gefühle

Wie gelingt es nun, Potenziale bei Kindern und Jugendlichen zu entfalten? Eine simple Antwort dazu kommt von der modernen Hirnforschung: 1. Das Hirn verfügt zum Zeitpunkt der Geburt über einen massiven Überschuss an zur Verfügung stehenden Nervenzellen. 2. Das Hirn wird so, wie es gebraucht wird. Das bedeutet, dass Kinder respektive ihre Gehirne von klein auf so eingerichtet sind, dass sie für fast unendlich viele Erfahrungen vorbereitet sind, um mit den Gegebenheiten ihres Umfeldes klarzukommen. In den Kindern stecken also von Geburt an Potenziale, die sich dann entwickeln, wenn die Kinder in ihrem Leben mit entsprechenden Herausforderungen konfrontiert werden und sie Erfahrungen sammeln können. Von all diesen Erfahrungen werden sich diejenigen in besonderem Masse zu entfalteten Potenzialen entwickeln, die für die Kinder und Jugendlichen besonders bedeutsam – also emotional positiv aufgeladen – sind und durch eigenes Tun und Üben gefestigt werden.

 

Weg vom Richtig-falsch-Schema

Kinder und Jugendliche müssen deshalb an Schulen Möglichkeiten bekommen, durch eigenes Denken, durch eigenes Tun sinnhafte und vielfältigste Erfahrungen zu machen, zu denen sie eine positive Einstellung haben. Ein Charakteristikum von Erfahrungen ist, dass es in Bezug zu einer Herausforderung nicht die einzig richtige Vorgehensweise gibt, sondern verschiedene Wege, die sich vielleicht im Nachhinein dann als mehr oder weniger vorteilhaft zeigen. Hier sind wir nun an einem für die Schulentwicklung ganz zentralen Punkt angelangt. Durch unser übertriebenes Bedürfnis – an unseren Schulen fast ein Selbstverständnis –, alles und das Hinterletzte bewerten zu wollen, benötigen wir Aufgaben, für die es immer ein EINZIG richtiges Ergebnis gibt. Denn nur so können wir bestimmen, was richtig und was falsch ist, und in der Summe zu einer normativen Notenbeurteilung gelangen. Durch unser Unterrichten, das auf Prüfungen in einem Richtig-falsch-Schema abzielt, können wir also gut Noten und Zeugnisse erstellen, wir verhindern dadurch aber, dass Kinder Erfahrungen mit Herausforderungen machen können, für die es viele unterschiedliche Wege und Möglichkeiten gibt. Ein weiterer Effekt ist, dass wir den Schülerinnen und Schülern eine starke Aussenorientierung anerziehen, indem ihre Aufmerksamkeit auf die einzig richtige und von aussen vorgegebene Lösung gerichtet wird. Wie soll da eine Fokussierung nach innen entstehen, wo eigene Ideen, Kreativität und Engagement auf ihre Entfaltung warten?

Das soeben Beschriebene ist denn auch genau das, was mit wirklichem kompetenzorientiertem Lernen gemeint ist: Wissen findet in lebensnahen, nicht standardisierten Herausforderungen seine Anwendung, indem Schülerinnen und Schüler zu komplexen Aufgaben eigene Handlungsideen entwickeln und diese ausführen.

 

Andere Fehlerkultur gefragt

Wenn Schulen also besser Potenziale von Kindern und Jugendlichen entfalten und Kompetenzen entwickeln wollen, dann müssen sie eine neue «Fehlerkultur» erschaffen. Sie müssen die Ausschliesslichkeit von Beurteilungen im Richtig-falsch-Schema deutlich herunterschrauben und im Gegenzug Lernsettings aufbauen, in denen Kinder und Jugendliche Erfahrungen mit wirklichen, lebensnahen Herausforderungen machen können, für die es bloss unterschiedliche Wege und Vorgehensweisen, aber kein Richtig und Falsch gibt. Ziel ist dabei nicht die Bewertung einer Arbeit, sondern die Erfahrung an und für sich. Damit sich durch sie Potenziale entfalten und Kompetenzen entwickeln können, muss eine Reflexionskultur eine Bewertungskultur ersetzen. Der deutsche Reformpädagoge Otto Herz hat dies einmal so formuliert: «Schulen sollten das Gelingen ermöglichen und nicht das Misslingen dokumentieren.»

 

Daniel Hunziker 

 

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